Interview zu meinem Besuch in der JSA Schifferstadt: Ex-Nationalspieler Martin Wagner: „Unser gefährlichster Gegner sind oft wir selbst!“, 26. Juni 2018

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Interview zu meinem Besuch in der JSA Schifferstadt!

 

Ex-Nationalspieler Martin Wagner: „Unser gefährlichster Gegner sind oft wir selbst!“

Hoher Besuch in der Jugendstrafanstalt (JSA) Schifferstadt. Martin Wagner, DFB-Pokalsieger und Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern, hat auf Einladung der Sepp-Herberger-Stiftung die Einrichtung besucht. In vielen Gesprächen mit den Häftlingen hat der frühere deutsche Nationalspieler klar gemacht, dass er einen von ihnen ist. Denn auch Wagner hat wegen einer Schlägerei als Jugendlicher mal einige Nächte im Jugendarrest verbracht. Im Interview erklärt der 50-Jährige, warum ihm dieser Besuch in der JSA Schifferstadt so wichtig war und warum weitere folgen sollen.

Herr Wagner, in der vergangenen Woche haben Sie für die Sepp-Herberger-Stiftung die JSA Schifferstadt besucht. Mit welchen Eindrücken haben Sie die Jugendstrafanstalt hinterher wieder verlassen?

Martin Wagner: Es war ein sehr anregender Termin für mich. Man macht sich natürlich seine Gedanken, wenn man die Jungs dort erlebt. Was ist passiert? Warum sind sie hier? Welche Geschichte haben sie erlebt? Ich hatte gute und intensive Gespräche mit einigen Häftlingen dort. Ich habe ihnen auch meine eigene Geschichte erzählt. Denn ich selbst bin als Jugendlicher auch mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

 Was ist damals passiert?

Wagner: Ich bin in eine Schlägerei geraten und musste selbst ein Wochenende in solch einer Anstalt verbringen. Das waren nur ein paar Tage. Aber ich habe gemerkt, dass es nichts Schlimmeres gibt, als eingesperrt zu sein. Ich habe mir geschworen, dass mir das niemals wieder passieren darf. Ich habe damals einen Fehler gemacht und bin dafür bestraft worden. Aber ich habe meine Lehren daraus gezogen. Und genau das habe ich den Jungs auch versucht, zu vermitteln. Man kann Mist bauen, das kann jedem passieren, aber man muss die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Aus meiner Sicht hat jeder eine zweite Chance verdient. Die muss man dann jedoch auch nutzen.

Was war das damals für eine Schlägerei bei Ihnen?

Wagner: Eine typische Geschichte unter Jugendlichen. Ich hatte danach das Gefühl, dass ich als Sieger aus der Sache rausgegangen war. Aber das Gegenteil war der Fall, es gab hinterher keine Gewinner. In Wirklichkeit hatte ich alle enttäuscht – vor allem meine Eltern. Das hat mir nachher sehr leidgetan. Unser gefährlichster Gegner sind oft wir selbst.

Haben Sie diese Geschichte auch den Jugendlichen in Schifferstadt erzählt?

Wagner: Ja, natürlich. Ich habe ihnen klar gemacht, dass ich einer von ihnen bin. Ich glaube, dass das der beste Weg war, um wirklich etwas zu bewegen. Nur wer selbst so etwas erlebt hat, kann auch glaubwürdig davon berichten. Davon bin ich absolut überzeugt. Als ich damals in die Schlägerei verwickelt worden bin, hätte ich einfach Nein sagen und weggehen sollen. Das wäre ein Zeichen von Stärke gewesen. Und nicht der Weg, den ich damals genommen habe. Aber das ist mir erst nach und nach bewusst geworden. Und genau solche Dinge habe ich auch den Jungs bei unserem Termin mitgegeben. Man ist nicht stark, wenn man zu allem ja sagt und mitmacht. Man ist stark, wenn man auch mal nein sagt und so Schlimmeres verhindert.

Haben die Jungs Ihre Botschaften angenommen?

Wagner: Ich denke schon, dass wir bei dem einen oder anderen etwas ausgelöst haben. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass sie sich mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Sie waren aufmerksam und sehr wissbegierig. Und das ist schon mal viel wert. Ich habe mir auch angehört, wieso die Jungs in der Haftanstalt gelandet sind. Was sind die Hintergründe dafür? Aus welchem Elternhaus kommen sie? Wie sind sie aufgewachsen? Ganz viele kleine Dinge können am Ende eine große Rolle spielen. Mir war es auch wichtig zu betonen, dass man keine Unterschiede macht zwischen Menschen verschiedener Hautfarben und Religionen. Gerade ich habe als Fußballer erlebt, dass man nur gemeinsam Erfolge feiern kann, wenn man zusammenhält. Hautfarbe und Religion spielen für mich keine Rolle. Bei mir steht immer Charakter und Mentalität an erster Stelle.

Welchen Eindruck hat die JSA auf Sie gemacht?

Wagner: Ich hatte schon das Gefühl, dass dort der Mensch im Mittelpunkt steht. Und genau so soll es auch sein. Die Verantwortlichen sind sehr bemüht, den Jungs zu helfen und ihnen eine Rückkehr ins normale Leben zu ermöglichen. Ich kann mich nur wiederholen: Die Häftlinge müssen die Zeit in der Haftanstalt als riesige Chance sehen, die sie nicht wegschmeißen dürfen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Fußball?

Wagner: Die Jungs lieben natürlich Fußball. Einer lief dort im Trikot von Bayern München rum. Da habe ich ihm gesagt, dass mir das nicht so gut gefällt (lacht). Aber man hat deutlich gemerkt, welch große verbindende Kraft der Fußball einnehmen kann. Wenn der Ball rollt, sind alle gleich. Ich selbst habe vor einiger Zeit in Karlsruhe mal eine Mannschaft mit Straftätern trainiert. Auch das war sehr prägend für mich. Ich habe schnell gemerkt, dass klare Ansagen und klare Vorgaben nötig sind. Außerdem habe ich erklärt, für welche Werte wir stehen wollen. Aber nachdem wir das einmal geklärt hatten, haben alle super mitgezogen. Wir haben uns schnell zu einer Einheit entwickelt. Der Fußball kann den Jungs helfen, sich schnell wieder in der Gesellschaft zu integrieren. Es geht nicht immer nur um Sieg oder Niederlage. Die gesellschaftlichen Aspekte sollten wir nicht unberücksichtigt lassen. Auch das war ein Thema bei meinem Besuch in Schifferstadt.

Können Sie sich eine Wiederholung vorstellen?

Wagner: Ja, definitiv. Ich finde es super, dass die Sepp-Herberger-Stiftung sich auch in diesem Bereich so engagiert. Das ist unglaublich wichtig und wird leider oft unterschätzt. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich jetzt häufiger dabei sein werde. Ich möchte gerne meinen Teil dazu beitragen, den Jungs in der Anstalt zu helfen – und zwar nachhaltig und nicht nur einmal. Wenn ich dabei helfen kann, dass nur einer oder zwei dieser Häftlinge den richtigen Weg einschlagen, hätten wir schon sehr, sehr viel erreicht. Das müssen unser Ziel und unser Anspruch sein. Diese Aktion darf nicht einmalig bleiben, wir müssen jetzt dranbleiben und weitermachen.