Bericht Kicker 8.03.2018

Category: Presse

Vielen Dank an Carsten Schroeter für das geführte Interview  mit mir!

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Dank vier Operationen hat er den Hautkrebs besiegt. Von Knieproblemen abgesehen geht es Martin Wagner 2018 gut. Nach seinem 50. Geburtstag wird sein „väterlicher Freund“ und Ex-Trainer Otto Rehhagel im August 80. Im Mai jährt sich die Lauterer Sensationsmeisterschaft zum 20. Mal. Aber auch in der aktuell prekären Lage fiebert Wagner, der als selbständiger Coach arbeitet und als Redner über Motivation, Teambuilding und Werte spricht, mit seinem FCK.Herr Wagner, für welchen Klub schlug Ihr Herz als Kind?Das darf ich gar nicht laut sagen.Doch bitte.Es war der HSV (lacht). Anfang der Achtziger Jahre hat mir das tolle Team um Magath, Kaltz und Hrubesch von der Spielweise her sehr gefallen, Manni Kaltz war zudem von der Position her ein Vorbild.

Sie wuchsen im badischen Offenburg auf. Waren Sie trotzdem mal im Volkspark?

Nein, aber der HSV war mal bei uns in Offenburg zu einem Zwei-Tages-Turnier mit Bayern und Frankfurt, da konnte ich sie live sehen. Sonst hat mir das TV-Erlebnis gereicht, zumal sich meine Familie Reisen nach Hamburg nicht leisten konnte.

Holen Sie Verpasstes nach, wenn Sie bei FCK-Heimspielen in der Kurve stehen?

Es ist eine schöne Erfahrung, weiter Teil des Klubs zu sein. Früher war ich ein entscheidender Teil auf dem Platz und jetzt erlebe ich Freud und Leid der Menschen hautnah.

Haben Sie beim 4:3 gegen Union Berlin trotz des mehr als halbleeren Stadions ein bisschen altes Betze-Feeling gespürt?

Ja, das hat ein Stück weit erinnert an glorreiche Zeiten, an das, was wir früher vorgelebt haben. Die Mannschaft hat einen spielerisch starken Gegner mit großem Willen niedergekämpft, sich belohnt und damit auch die Fans auf ihre Seite gezogen. Man kann von Tradition nicht leben, aber man kann sie verteidigen. So wird der Berg vielleicht irgendwann wieder zur uneinnehmbaren Festung.

Der FCK holte zuletzt vier Siege in sechs Spielen, ist aber weiter Letzter. Wie groß ist Ihre Hoffnung auf den Ligaerhalt?

Die stirbt zuletzt. Es steht wieder ein schwieriges Spiel an, weil Fürth auch im Aufwind ist. Aber mit der Moral und den Fans im Rücken ist der Ligaerhalt machbar. Der FCK muss weiter seine Spiele gewinnen.

Sind Sie im Stadion weiter dabei?

Ich habe den Verein und die Menschen in der Pfalz sehr ins Herz geschlossen. Für meine wunderschöne Spielerzeit möchte ich etwas zurückgeben, komme so oft es geht. Mir würde ein Abstieg in der Seele wehtun, aber wir haben es 1996 vorgemacht, dass nichts so schlimm ist, dass es nicht für etwas anderes gut sein kann. Der Verein braucht wieder mehr Glaubwürdigkeit und Zusammenhalt. Nach meinem Gefühl wächst da mit den Verantwortlichen zumindest ein zartes Pflänzchen. Daher bin ich zuversichtlich, dass der FCK wieder eine neue Geschichte schreibt und wir nicht immer über einen Titel reden, der schon 20 Jahre her ist.

In diesem Gespräch kommen wir aber nicht drumherum. Helfen Sie in der Kurve eigentlich auch bei den Trommlern aus?

Wenn die unbedingt meine Hilfe benötigen und falsche Töne hören wollen, stehe ich zur Verfügung.

Falsche Töne? Bei der Meisterfeier 98 saßen Sie mit Ciriaco Sforza und zwei Trommeln auf dem Führerhaus des Party-LKW, gab es da keine Qualitätskontrolle?

Die hatte ich bestanden. Ciri und ich gehörten schließlich zu denen, die auf dem Platz erfolgreich den Takt angegeben haben.

Haben Sie oben auf dem LKW realisiert, welch einmaliges Kunststück, als Aufsteiger Meister zu werden, gelungen ist?

Eher weniger, da musste ich aufpassen, dass ich nicht runterfalle wegen des Alkoholpegels vom Vortag. Es wird dir erst später bewusst. Das Wichtigste war, dass wir das gemeinsam erreicht haben, wir Spieler mit den Verantwortlichen, unserem Trainer Otto Rehhagel und den Fans.

War der Pokalsieg 1996 mit Ihrem Tor zum 1:0 gegen Karlsruhe, nur eine Woche nach dem erstmaligen Abstieg, die Initialzündung für diesen Durchmarsch?

Es war ein wichtiges Zeichen, nachdem wir kurz zuvor eine ganze Region ins Tal der Tränen befördert hatten. Wir waren in der verdammten Pflicht, den Leuten wieder Freude zurückzugeben. Wir hatten viel verbockt trotz unserer Qualität mit vielen Nationalspielern. Nach dem Pokalsieg habe ich als Erster gesagt, ich bleibe und helfe, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Viele zogen nach und Otto Rehhagel, der selbst aus einer Enttäuschung bei den Bayern kam, hat uns mit seiner Ruhe und Erfahrung den nötigen Halt gegeben. Alleine kann man stark sein, aber gemeinsam manchmal unschlagbar. Was wir als zuvor zerstrittenes Team Wunderbares geschafft haben, daran können sich viele ein Beispiel nehmen.

Ihr erster Profi-Klub Nürnberg ist auf dem Weg zurück in die Bundesliga. Warum stehen Sie dort nicht in der Kurve?

In Nürnberg habe ich mich sauwohl gefühlt, bin aber wegen finanzieller Probleme verkauft worden. Ich wäre sonst nie weggegangen. Ich habe gedacht, nach Nürnberg kann es nicht besser kommen. Aber es gibt auch in meinen Leben Dinge, in denen ich mich geirrt habe.

Bereuen Sie es, nach acht Jahren FCK nach Wolfsburg gegangen zu sein?

Gegen Verletzungen ist man nie gefeit. Es ist schade, dass die Karriere so enden musste. Aber 2000 war klar, dass ich mich mit der neuen Ausrichtung beim FCK nicht identifizieren konnte. Mit einem 32-Jährigen, der acht Jahre ehrliche Arbeit abliefert, sollte man keine Spielchen treiben. Ich bin immer geradlinig und daher gegangen.
Nürnberg und Lautern haben seit Jahren mit strukturellen Defiziten zu kämpfen. Blutet Ihnen das Herz, wenn Sie sehen, wie wenig Wolfsburg aus seinen großen finanziellen Möglichkeiten macht?

Als ich dort gespielt habe, befand sich Wolfsburg im Aufbau, hat jahrelang toll gearbeitet wurde 2009 ja auch Meister. Der Titel war dort aber wie beim FCK durch eine gewisse Großmannssucht der Anfang vom Ende. Wolfsburg drücke ich die Daumen, dass sie die Liga halten und mal darüber nachdenken, wo kommen wir her. Wie beim HSV verdienen beim VfL Durchschnittsspieler viel zu viel Geld. Zum HSV gehen die Spieler schon lange nicht mehr, weil es ein erstklassiger Verein ist, sondern um richtig abzukassieren. Da ist traurig und tut weh, weil es beim FCK genauso war.

Welchen Zeitpunkt meinen Sie?

1999 hat man für Leute wie Youri Djorkaeff und Mario Basler das Geld rausgeschmissen und wollte langjährige Erfolgsspieler wie Harry Koch oder mich mit einem Gnadenbrot abspeisen und ins zweite Glied stellen. Deshalb habe ich damals gesagt: So Freunde, es reicht.

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